Buchpräsentation "Quallenkopf"

Fabian Ginsberg

19. September 2015

Einführung von Patrick Hohlweck,
 Literaturwissenschaftler, Universität zu Köln
Dieses Buch erscheint anlässlich der Ausstellung: Fabian Ginsberg, Die Namensnehmerinnen

„Die lineare, von links nach rechts laufende Geschichte, versehen mit Körpern vor einem Raum mit drei Seiten, vor dessen vierter unsichtbar im Dunkel der Beobachter sitzt, prägt alle Mittel des Handelns und Denkens.

Dagegen stellt das Netzwerk ein Bild bereit, um ungegenständliche, aber methodisch  strukturierte Vorgänge zu beobachten, ohne einheitliche Umgebung von Raum und Zeit. Je nach meinem Betrachterstandpunkt, den ich kennen muss, um etwas zu erkennen, und der Teil des Systems ist, sehe ich unterschiedliche Vorgänge auf unterschiedlich differenzierten und strukturierten Ebenen in ihren entsprechenden Zeit-, Raum- und Statushorizonten.

Um meinen Betrachterstandpunkt zu kennen, also selbst zu bestimmen und etwas erkennen zu können, brauche ich als Teil des Netzes Zugriff mindestens auf Teile der Systemadministration. Zugriff heißt nicht mehr Verfügung, denn wir haben die Subjekt/Objekt-Technik hinter uns gelassen, sondern Verbundenheit. Jedes Netzwerk lässt sich auch hierarchisch darstellen, denn Status ist immer schon eine Dimension. Also muss ich hierarchische Ebenen haben. Nur wenn ich innerhalb des Netzwerks, das mich umgibt und durchdringt, zwischen verschiedenen hierarchischen Ebenen mit mir und mit anderen tauschen kann, habe ich Zugang, sonst bin ich nur angeschlossen. Angeschlossen sein heißt: asymmetrische Verbundenheit, nur ausbeutbar sein.

Alles dreht sich um Differenz, denn durch sie wächst, mit sich tauschend, das System und differenziert sich. Sie wird von höheren Ebenen abgeschöpft und wieder investiert. Es gibt Netzwerkstrukturen, die durch viele unterschiedliche Ebenen des Systems reichen und dadurch produktiv mit sich selbst und allem tauschen können. Sie schenken Differenz im Tausch mit anderen, aber sie integrieren auch Differenz im Tausch zwischen ihren eigenen Ebenen, um sich selbst weiter auszudifferenzieren. Eigenes und Fremdes ist nicht mehr fest begrenzt, sondern bestimmt sich jeweils über Grade der Verbundenheit. Indem diese Netzwerkstrukturen sich ausdifferenzieren, verändern und durchdringen sie wiederum die sie umgebenden und durchdringenden anderen Netzwerkbereiche. Sie machen einen Unterschied.

Es gibt auch flache Netzwerkstrukturen, die sich noch für begrenzte Subjekte halten, dankbar für ihren Anschluss, und das sind die Endnutzer. Sie sagen: Was soll man von meiner Person schon wissen, was meiner Person nehmen wollen?, und das stimmt, sie sind nur quantitativ von Wert. Die Differenz bildet sich abschöpfbar aus, indem den angewendeten Endnutzern Grenzen gesetzt werden, als die sie sich konsumieren. Sie selber brauchen für sich keine Differenz, sie freuen sich einfach, dass sie dabei sind. Dass sie sehr enge, vorgegebene Grenzen haben und mit nichts verbunden sind, stört sie nicht, denn die Dritte-Person-Perspektive bekommen sie für die Abgabe ihrer Erste-Person-Perspektive frei Haus geliefert. Vom Netzwerk aus betrachtet, sind sie Leibeigene, sie selber fühlen sich so frei wie noch niemand je. Ihre Täuschung verankert den Kategorienfehler einer Subjekt-Individualität in einem Netzwerk-Raum. Damit schaffen sie die Effizienz der Herrschaft von morgen, die heute als Konformismus immer kontrollierender die Flächigkeit einer Welt durchsetzt, deren Hierarchien einfach verschwinden. Jedenfalls aus dem Gesichtsfeld.“

Auszug aus: „Quallenkopf. Der Tausch von Verwandlung.

Im Rahmen der Ausstellung: Die Verkörperung von Öffentlichkeit, 8. Dezember 2018 - 30. April 2019

Im Rahmen der Ausstellung: Die Namensnehmerinnen, 1. August - 14. November 2015